Samstag Nachmittag mit Taubsis

Es war ein sonniger Samstag im Juli, als nach Erledigung von Hausaufgaben und Wohnungputzen alle ein wenig Hunger bekamen. Und statt in Kühlschränken herum zu suchen, beschloss ich, dass wir doch Burger essen gehen könnten in der Stadt- und das zu Fuß, damit man auf dem Weg Pokémon-Eier ausbrüten könne. Ja- ich hatte mir das Spiel aus Neugier am Erscheinungstag aufs Smartphone geladen, um es zu begutachten. Ich spiele nie auf dem Smartphone (lieber am PC), aber das Release von Pokémon Go war ein großes und viel diskutiertes Ereignis und dem wollte ich beiwohnen. Und obwohl es in der ersten Woche viele Serverprobleme gab, das Spiel ständig abstürzte oder einfror, machte es doch erstaunlich Spaß, auf seinen ganz normalen Wegen ein paar der kleinen niedlichen Monsterchen zu erspähen und mittels gezielt geworfenenen Pokébällen zu fangen.

Nun, an jenem Juli-Mittag gelang es mir tatsächlich, meine Familie (Mann, Kind und Teenager) zu einem 2-Kilometer-Spaziergang in die Innenstadt zu bewegen, wo wir zunächst Essen gingen. Anschließend zog es niemanden nach Hause (erstaunlich!), statt dessen zeigte uns Lisa (18 Jahre) den Rosengarten im Stadtpark als Hotspot für Pokémon-Go-Spieler. Hier hatte kurz nach Release des Spiels eine freundliche Übernahme stattgefunden: Früher offenbar ein Eckchen des Parks mit Brunnen und Rosen, das Senioren für einen kleinen Spaziergang und einen Plausch auf den Bänken nutzten. Nun ein Ort voller junger Leute, die auf der Wiese und am Brunnenrand saßen, in Grüppchen oder zu zweit, zum Teil mit Picknick. Sie saßen dort und schauten auf ihre Smartphones, zeigten sich gegenseitig ihre Erfolge, gaben sich Tipps, freuten sich gemeinsam über einen gelungenen Fang, schlossen neue Bekanntschaften und genossen den Samstag Nachmittag in der Julisonne.

Rosengarten
Rosengarten

Was man nur sehen konnte, wenn man selbst Pokémon Go spielte war, dass dort im Rosengarten verteilt vier sogenannte Pokéstops standen, von denen es ohne Unterlass virtuelle Rosenblätter regnete. Dieser Blütenregen bedeutete, dass Spieler an den Pokéstops virtuelle Lockmodule angebracht hatten, die die Monsterchen anlockten. Jedes Lockmodul hält eine halbe Stunde, dann muss ein anderer Spieler ein neues Lockmodul installieren. Die angelockten Pokémon sind für alle Spieler sichtbar und so wimmelte es zwischen den Rosen und rund um den Brunnen nur so von Taubsis, Entons und Karpadors.

Mit all den jungen Leuten und den niedlichen Pokémon wirkte der Ort sehr lebendig. Die 11- und die 18-Jährige liefen mit Smartphones umher und fingen begeistert ein, was sie finden konnten und so blieben wir bis zur Abenddämmerung und es war ein richtig schöner Familien-Samstag.

Rattikarl
Rattikarl

Inzwischen gibt es etliche Gemeinschaften in sozialen Netzwerken, wo Spieler sich gegenseitig verraten, wo man besonders seltene und begehrte Pokémons findet. Man verabredet sich dort mit Bekannten und Fremden zur gemeinsamen Pirsch. Im Stadtgebiet haben sich beliebte Treffpunkte gebildet (gekennzeichnet durch eine hohe Dichte von Pokéstops), wo man zu jeder Tages- und fast jeder Nachtzeit andere Spieler treffen kann. Arenen der drei verschiedenen Fraktionen (Instinct, Valor und Mystic) werden jeden Tag erobert und zurück erobert und mit den besten Pokémon besetzt, die man auf Lager hat. Viele Jugendliche und manche Erwachsene entscheiden sich, zu Fuß zu gehen, statt mit der U-Bahn zu fahren, weil man beim Gehen Eier ausbrüten kann, aus denen vielleicht seltene Pokémon schlüpfen, sozusagen Überraschungs-Ei “to go”, bloß ohne Schokolade. Für ein Ei muss man mindestens 2 Kilometer gehen, für die Chance auf seltene Pokémon sind es schon 10 Kilometer.

Meine persönliche Faszination am Spiel ließ nach etwa zwei Monaten nach. Dennoch finde ich es sehr spannend, wie die Welt mit virtuellen Elementen angereichert wird und sich mitten im normalen Straßenbild ein für Nicht-Spieler unsichtbares Geschehen abspielt. Für diese mag es seltsam erscheinen, wenn Leute plötzlich stehen bleiben und auf ihrem Smartphone herum wischen oder wenn an Brücken 5 oder 10 Menschen eine halbe Stunde lang offenbar nur auf ihr Handy gucken. Ich weiß, dass Karpadors beliebt sind, man viele davon braucht und man diese immer in der Nähe von Wasser fängt (weil es eben Fische sind).

Im Sommer 2016 haben wir noch öfter Familienausflüge mit Eisessen und Taubsis-Fangen gemacht und entlang der Pokéstops auch ein paar neue Seiten der Heimatstadt kennen gelernt. War schön! Hat Spaß gemacht! Und mehr muss ein Spiel auch nicht.

Schöner wohnen in Minecraft

Kurz vor Beginn des Winters begab ich mich in ein schönes neues Land in Minecraft, wählte mit Bedacht einen hübschen Bauplatz und stellte innerhalb von etwa einer Stunde einen gewaltigen sechsstöckigen Rohbau her. Riesige Wohnflächen, jedoch weder Innen- noch Außenwände, das Ganze lediglich getragen von Eckpfeilern (wegen dem realistischen Aussehen) und flankiert von einem Treppenhaus.

 

Rohbau bei Tag

Das Ganze nannte ich “Minecraft-WG” und vermietete die “Wohnungen” an junge Menschen zwischen 16 und 24 Jahren, mit denen ich im Jugendtreff regelmäßig zu tun habe. Sie bekamen einen Mietvertrag mit Grundregeln, bezahlten 5 Euro Kaution und hatten drei Monate Zeit, die leere Wohnfläche in eine fantasievolle Wohnung zu verwandeln. Im Januar sollte dann ein Gewinner gekürt werden. Kriterien waren Ästhetik, Einsatz, Sozialverhalten, Kreativität und Technik.

Ziel des Projekts: Das Thema “Aus dem Elternhaus ausziehen” spielerisch zu bearbeiten, da es für diese Gruppe Heranwachsender sehr angstbesetzt ist.

Minecraft-WG fertig

Von acht Heranwachsenden hielten fünf bis zum Schluss durch und gestalteten meist allein ihre Wohnung sehr schön. Einer flog wegen Betrugsversuchs aus dem Projekt und zweien ging die Puste aus, als sie bemerkten, dass dahinter Arbeit steckt.

Was in den drei Projektmonaten alles passierte, ließ mich und meine Kollegen oft staunen. Die Bedienung des Spiels lernten auch diejenigen schnell, die es zuvor nie gespielt hatten. (“Minecraft ist easy, das können sogar Erwachsene.”) Man kann praktisch jedes Material im Spiel abbauen und daraus neue Sachen bauen. Mit einer Werkbank kann man sich auch Werkzeuge und Gegenstände herstellen und mit einem Ofen können Materialien verändert werden (Eisenbarren aus Eisenerz oder Glas aus Sand schmelzen z.B.).
Wie ganz viel Lego, ein bisschen Modelleisenbahn und niemals Mangel an Steinen oder Schienen.

Die erste Schwierigkeit für die Teilnehmer waren die elementaren Regeln des Zusammenlebens: Fast keiner war in der Lage, die im Mietvertrag festgehaltene Regel der Privatsphäre der Wohnung einzuhalten. Und wenn man schon einmal dabei war, in einer fremden Wohnung zu stöbern, dann war die Versuchung hoch, begehrte Materialien aus dem Vorrat des Wohnungsbesitzers mitgehen zu lassen.

Kurz: Es wurde geklaut und Vorwürfe wurden erhoben und das Jugendtreff-Team fand sich in der Rolle des Streitschlichter-Gerichts wieder. Der Haupt-Täter gestand irgendwann und bekam Sozialaufgaben aufgebrummt, wenn er weiter mitmachen wollte. Er sollte Material sammeln und diese dann der Gemeinschaft zur Verfügung stellen. Dies klappte mittelmäßig, er tat das zwar, brauchte aber so lange dafür, dass eigentlich niemand mehr davon profitierte.

Auch destruktives Verhalten trat auf. Da man andere Spieler nicht direkt angreifen konnte, kam einer auf die Idee, andere mit Lava zu überschütten oder Sprengfallen zu bauen, was diejenigen, die ernsthaft bauen wollten, ziemlich nervte. Um dem aus dem Weg  zu gehen, begannen Teilnehmer, heimlich unterirdisch Vorratslager anzulegen oder ganz woanders zu bauen.

Die zweite Schwierigkeit war die Frage, wer mit wem wohnen wollte. Da ging es um beste Freunde und zweitbeste Freunde und so wechselten die WG-Paarungen ein paar Mal.

Das nächste Thema war Aufgabenteilung und die Erfahrung, dass wenn jeder auf den Anderen wartet, letztlich keiner etwas tut. Und es wurde viel diskutiert: Über Baustile, Anstrengung, Sozialverhalten und über die Rolle des Jugendtreff-Teams.

Die Teilnehmer bauten ein Dorf unweit der Minecraft-WG und legten fest, dass wir Erzieher und Sozialpädagogen dort nichts zu sagen hätten. Sie wollten unsere Regeln nicht mehr, sondern frei sein. Dies wurde ihnen gewährt.
Nach nicht einmal einer Woche fingen sie an, sich selbst Regeln zu geben, da sie geschützt sein wollten vor Übergriffen und Diebstählen. Außerdem sollte es Gerechtigkeit geben und Anerkennung der Arbeit Einzelner.

Und so wurde das Minecraft-Projekt zu einer Lernplattform der demokratischen Bildung par excellence 🙂

Zum Stichtag führte jeder stolz seine Wohnung vor, erklärte seine Absichten und Design-Ideen, wurde gelobt und nach zwei Tagen Diskussion in der Jury des Jugendtreff-Teams stand der Sieger fest. Die anderen erhielten jeweils Preise in einer Kategorie und so waren alle glücklich, die es bis zum Ende geschafft hatten.

Für ein Minecraft-Projekt braucht man Minecraft. Das gibt es als Download hier:  Minecraft
Dann muss man einen Account erstellen. Dieser kostet einmalig 20 Euro. Mit dem Account kann man an jedem PC, auf dem Minecraft installiert ist, spielen. Minecraft funktioniert als Singleplayer-Spiel (da werden Welten auf dem eigenen PC generiert und gespeichert) oder als Multiplayer-Spiel.

Für ein Projekt empfehle ich die Minecraft-Server von Nitrado: Nitrado Gameserver
Für etwa 4 Euro im Monat kann man dort einen Server fürs eigene Projekt mieten und festlegen, welche Minecraft-Version verwendet wird. Außerdem kann man bestimmen, wer das Spiel betreten darf und wer nicht, sowie diverse Spieleinstellungen festlegen (Ohne oder mit Monstern z.B.).

Es ist jederzeit möglich, wenn auch technisch ein bisschen kniffelig, Welten vom eigenen PC auf den Server zu transferieren oder Welten vom Server auf den eigenen PC herunter zu laden.

Finanzamt goes Internet

…und ich darf dabei sein! Juhu, seit letztem Jahr gibt es die VaSt- die vorausgefüllte Steuererklärung. Klingt ein bisschen sperrig, aber halt trotzdem nach weniger Arbeit, auf die man keine Lust hat. Also immer her damit! Meine Steuererklärungs-Software, die es mir überhaupt erst ermöglicht, eine Steuererklärung auszufüllen ohne Schreikrämpfe, zeigt mir gleich beim Start die neue Möglichkeit an und naiv drücke ich auf das Knöpfchen, das mir viel Arbeit ersparen soll. Denn das Finanzamt hat ganz viele Daten ja schon, z.B. alle Daten, die früher in der Lohnsteuerkarte standen und die mein Arbeitgeber jetzt direkt ans Finanzamt schickt. Was soll ich die also mühsam von Hand ausfüllen, wenn sie sowieso schon vorliegen?

Die Software sagt mir, dass ich mein Elster-Zertifikat benennen soll. Gut, kein Problem, sowas habe ich natürlich. Da ich seit einigen Jahren meine Steuererklärung nicht nur am PC mit Hilfe eines Programms erstelle, sondern auch online via Elster ans Finanzamt schicke, habe ich mir bereits ein tolles Elster-Zertifikat zugelegt. Dies erlaubt mir nämlich, schon vor dem offiziellen Amtsbrief meinen Steuerbescheid abzuholen. Sowas gefällt mir: Ich weiß eine Woche früher, was ich an Steuern rückgezahlt bekomme, ha!

Nun, es funktioniert nicht. Als mögliche Ursache wird benannt, dass ich mein Elster-Zertifikat mit der Steuernummer statt mit der Steueridentifikationsnummer  erstellt habe. Und dann gilt es zwar für die Steuererklärung, aber nicht für die vorausgefüllte Steuererklärung.  Wenn Tatsachen dieser Art im Ausland verbreitet würden, dann würde kein Schwein mehr nach Deutschland flüchten. Aber ich lebe ja schon lange hier und so schnell lasse ich mich nicht abschrecken! Deutsche Verwaltung kriegt mich nicht klein!

Als mögliche Lösung wird benannt, ein neues Elster-Zertifikat zu beantragen. Und obwohl ich fast ganz sicher bin, dass mir niemals so ein dämlicher Fehler unterlaufen ist, die Steuernummer mit der Steueridentifikationsnummer zu verwechseln, beantrage ich eben. Dazu müssen alle persönlichen Daten erneut eingegeben sowie die Steueridentifikationsnummer eingetragen werden.
Ich bekomme eine E-Mail mit einer Aktivierungs-ID und den Hinweis auf einen Brief mit einem Aktivierungscode, den ich demnächst erhalten werde.
Die Zeit, die ich wegen des noch nicht erhaltenen Briefs keine Steuererklärung erstellen kann, nutze ich für sinnvollere Dinge wie Blogs lesen, Kinder- und Katzenvideos auf youtube anschauen und Deutschlands heimliche Deutschlehrer auf Facebook “Hooligans gegen Satzbau”.

Tag fünf: Der Brief ist da. Schwupps trage ich die Aktivierungs-ID aus der E-Mail und den Aktivierungscode aus dem Brief ein, vergebe eine PIN (notiere alles sorgsam in mein geheimes Buch), erstelle einen Verschlüsselungsschlüssel durch Mausbewegen auf dem Bildschirm und habe endlich ein aktuelles funktionsfähigen Elster-Zertifikat!
Mit diesem brandneuen Zertifikat starte ich meine Steuer-Software und will die vorausgefüllte Steuererklärung abrufen. Funktioniert….nicht. Das Zertifikat wird anerkannt und berechtigt mich nun, den “Belegabruf” einzurichten. Dafür muss ich denselben nur beantragen und auf den Brief mit der Belegabrufnummer warten.

Wie lange hätte es gedauert, die Daten der Lohnsteuerkarte von Hand in das Formular einzutragen? Wie viele Katzenvideos muss ich noch anschauen, bis das “Finanzamt online” mir erlaubt, meine eigenen Steuerdaten in meine eigene Steuererklärung automatisch einzufügen?
Es seien erst etwa 800 000 vorausgefüllte Steuererklärungen abgegeben worden, gaben die Finanzämter bekannt. Wundert mich nicht. Das sind 800 000 Pioniere oder 800 000 Steuerberater, die nach Stundensatz bezahlt werden.

Es muss einen Weg geben irgendwo zwischen Datenschutz (den ich haben will) und der Internet-Entsprechung eines Amtsgebäudes mit düsteren Fluren, die alle gleich aussehen, gefühlt 150 Zimmern und keinem, der zuständig ist.

 Update 2016: Und wieder war es Zeit, für eine Steuererklärung. Und tatsächlich hat es diesmal funktioniert: Elster-Zertifikat auf der alten Festplatte suchen (mein PC hatte diverse Umbauten inzwischen) und schon wurden die Daten abgerufen. Also insgesamt schon 2x 10 Minuten eingespart! Dauert nur noch etwa 13 Jahre, bis sich die VaSt rein zeitlich gelohnt hat!

Level up! durch Algebra

Wer Bildschirmspiele spielt, weiß, wie unglaublich motivierend Spiele heutzutage gestaltet sind. Man mag kaum aufhören, will die nächste Herausforderung meistern, das nächste Level erreichen, Belohnungen einsacken, das Rätsel knacken oder den Gegner besiegen. Fast jede Anstrengung wird belohnt, jeder Spieler erlebt etliche Erfolge und die virtuellen Lorbeerkränze erzeugen manch neidvollen Blick der Mitspieler. Und dabei haben die Game-Designer immer im Blick, dass es nie zu einfach werden darf. Niemand möchte ein Spiel, in dem Hinz und Kunz ohne Kenntnisse und Fähigkeiten Belohnungen nach geworfen kriegen (na ja, bis auf die Farmville- oder Candy Crush-Fans*).

Schon lange denke ich mir (als passionierte World-of-Warcraft-Spielerin), dass man solche Motivationsmechanismen in der Schule oder Kinder- und Jugendarbeit einsetzen sollte. Und siehe da!- seit mehreren Jahren tut das einer. In Österreich, dem medientechnisch etwas innovativeren Nachbarland vergibt Christian Haschek als Lehrer sogenannte XP.  Das sind in jedem Game die Erfahrungspunkte, die es für das Abschließen von Quests (Aufgaben), das Entdecken von Gegenden, das Besiegen von Gegnern uvm. gibt. Lehrer Haschek vergibt die Punkte für Referate, Schulaufgaben, Wortmeldungen im Unterricht.  Das Besondere: Er trägt die Punkte für jeden Schüler sofort in eine online abrufbare Tabelle ein, wo der “Erfahrungsbalken” der Schüler stetig wächst. Wenn der Balken voll ist, steigen die Schüler eine Note auf. Beginnen tun sie mit Note Fünf und arbeiten sich langsam hoch. Es gibt nur ein Aufwärts- gewonnene Erfahrung verliert man schließlich nicht. Und auch jene, die bereits die Bestnote erreicht haben, strengen sich immer noch an, obwohl sie nichts verlieren können. Aber sie haben Anstrengung und den Gewinn von Wissen als positiv erlebt und machen daher weiter.

Auch die amerikanische Spieleentwicklerin Jane McGonigal beschreibt in ihrem Buch “Besser als die Wirklichkeit” eine Schule, an der sie Mechanismen aus Computerspielen sehr erfolgreich eingeführt hat: Zu Schuljahresbeginn sollen die Schüler innerhalb der Klasse herausfinden, wer wo am meisten Talent hat: Algebra, Geometrie, Schnellrechnen?
Dann bekommen die Schülerinnen und Schüler gemäß ihren Talenten Aufgaben, die sie lösen müssen, um “Ressourcen” für den Kampf gegen den Endboss  zu sammeln. Und sie müssen üben, damit sie beim Bosskampf ihren Teil beitragen können. Gewinnen oder verlieren kann nur die ganze Klasse. Die Klassen gewinnen immer- denn diese Positiv-Orientierung ist zusammen mit den spielerischen Elementen für Kinder und Jugendliche extrem motivierend.

Als ich das erste iPad kaufte und die App “Geomaster” installierte, fing meine sonst nicht übermäßig lernbegeisterte, damals 13-Jährige an, Länder und Hauptstädte zu lernen durch das Spielen des Spiels. Und die nächste Ex wurde eine glatte Eins (zufällig waren Hauptstädte das Thema).

Ich kann natürlich den Chor der (Schul-)geister hören, die alle rufen: “Das Leben ist kein Spiel!” oder “Was sollen Lehrer denn noch alles machen?” oder auch “Früher war alles besser. Da kannten die Kinder noch Disziplin!”.
Christian Haschek hat vor allem Erfolg bei den bislang schlechteren Schülern. Die guten Schüler bleiben gut, egal wie schlecht der Unterricht ist. Und genau da werden die Probleme des Bildungssystems auch verortet: Bei den schlechten Schülern, bei den Abbrechern. Nahezu 20 % der Schülerinnen und Schüler verlassen die Mittelschule ohne Abschluss.

Was also ist das Geheimnis der Spielelemente in Lerninstitutionen?

1. Der Lernerfolg ist sichtbar
2. Feste Punktwerte für verschiedene Aufgaben machen Lernerfolg planbar
3. Erreichte Erfolge gehen nicht verloren – sie sind sicher
4. Gute Noten werden durch Arbeit erreichbar

Jeder Versuch, weniger bildungsverlorene Generationen zu produzieren, ist es wert. Ohne Schulabschluss und Bildung, ohne Motivation und Glauben an sich selbst ist das Leben nämlich überhaupt kein Spiel mehr.

 

*=Beide Spiele werden eher aus meditativen Gründen gespielt und haben die Schwierigkeitsstufe des beliebten Etiketten-abfitzeln-und-daraus-Papierkügelchen-drehen.

 

 

Der perfekte Virenschutz

An einem Freitag Abend im Juni fragte mich meine 20-jährige Tochter, ob man etwas gemeinsam unternehmen könne. Allerdings war das arme Ding erbärmlich erkältet, schnupfte und hustete wie eine Weltmeisterin und von daher verboten sich irgendwelche Unternehmungen die mit Anstrengungen oder mit Gesellschaft verbunden waren von selbst. Kurz zuvor hatte sie (um Kontakt mit weit entfernt lebenden Cousinen zu halten) einen Minecraft-Server gemietet- für 4 Euro monatlich. Und nun beschlossen wir, einen Familienabend dort zu verbringen- ein jeder an seinem PC in seiner Wohnung und nur vertreten durch einen pixeligen Minecraft-Avatar.

Man verabredete den ungefähren Zeitpunkt per Threema (der Schweizer Alternative zu WhatsApp) und traf sich dann eine Viertelstunde später in dem kleinen Minecraft-Dorf, wo jeder von uns bereits ein bescheidenes oder auch (im Falle meines Liebsten) ein protziges Anwesen besaß. Per eingebautem Chat verständigten wir uns zu viert auf einen Plan: Wir wollten gemeinsam den vor der Küste befindlichen Unterwasser-Tempel raiden. Doch ach, was es dazu alles brauchte: Tränke für Unterwasseratmung beispielsweise. Wie man die herstellte, wusste meine 17-Jährige: Mit einem Braustand. Dazu brauchte es jedoch eine Lohenrute- erbeutet von besiegten Lohen. Diese lebten im unterirdischen Nether, zu dem man nur durch spezielle Portale gelangen konnte. Eins davon hatte jedoch dankenswerterweise meine vielspielende 17-Jährige bereits im Keller ihres pittoresken Fachwerkhäuschens installiert. Sie riet uns auch, nur mit Eisen gerüstet und mit Schwertern bewaffnet in den gefährlichen Nether zu gehen. Sofort setzte ein fröhliches Handeln und Tauschen, ein Schmieden und Anprobieren ein, bis jedes Familienmitglied gut gerüstet und bewaffnet war.

Wir betraten den Nether und staunten über rot glühende Lavaseen und gefährlich hohe Netherfelsen. Die 17-Jährige suchte nach der von ihr entdeckten Netherfestung, fand sie aber nicht wieder. “Das geht nur fliegend”, erklärte sie uns und schaltete flugs in den “Kreativ-Modus”, in dem sowas und auch alles andere kinderleicht geht. Heftiger Protest der Familie! Wir wollten nicht die Weichei-Version, wir wollten keine “Cheater” sein! Also wurde sich zu Fuß durch Berge gebuddelt (ein Lava-Opfer), es wurden riesig lange Brücken über Lavaseen gezogen (ein Lava-Opfer, lustigerweise dasselbe wie vorhin) und nach ein paar Mal Verlaufen waren wir da, eroberten die Festung, besiegten die Lohen, erbeuteten jeder eine Lohenrute und noch einmal gab es ein Lava-Opfer, was es uns jedoch ermöglichte, uns zum Opfer und damit ins sichere Zuhause zu teleportieren.

Nun konnten wir Braustände erbauen, um dort Tränke herzustellen. Für den Unterwassertrank wurden Kugelfische benötigt, die erst noch zu angeln waren. Eins der Kinder verteilte Angeln an alle und so standen wir im Mondlicht um den Dorfteich herum und angelten Stiefel, Seerosen und gelegentlich auch Kugelfische und unterhielten uns dabei per Chat über die Abenteuer im Nether, über Referate fürs Studium und über diverse Zimmer-Umbau-Pläne.  Es war spät geworden, die Kranken und Gesunden mussten ins Bett und der Plan, den Unterwassertempel zu raiden, wurde auf unbestimmte Zeit verschoben.

Es war ein schöner Abend mit der Familie und absolut virensicher, da die schnupfende 20-Jährige eine eigene Wohnung bewohnt. Die 17-Jährige konnte alles zeigen, was sie drauf hat (das ist für das “Küken” der Familie nicht immer so einfach) und wir Eltern haben uns einmal mehr als Gesellschaft für einen coolen und lustigen Abend qualifiziert.*

*= Das funktioniert mit vielen Dingen: Lasertag spielen, Escape-Rooms besuchen oder einen Live-Stream der gamescom schauen, aber auch Essen gehen oder Häkeln vor dem Fernseher gelten als Aktivitäten, die man gern mit seinen Eltern macht, sofern diese “cool” sind. Und das sind wir halt 😉

Wissen, was ein Ping ist

Gestern saß ich beim Essen mit meiner 17-jährigen Tochter und ihrem 18-jährigen Freund. Es ging um die gamescom* in Köln und ihre Pläne, dort im Sommer hinzufahren. Man erzählte von League of Legends* und der ESL*, diversen youtube-Stars, die dort sein würden,  jemandem der in Twitch* rasant eine Karriere hingelegt hatte mit Let`s Plays* und kam schließlich auf die Klassiker, die man gern mal wieder spielen würde, wie Age of Mythology oder Stronghold. Irgendwie ging es plötzlich darum, wie cool meine Tochter es fand, dass man mit mir über all solche Sachen sprechen könne, wenn sie mir auch unterstellte, dass ich wahrscheinlich nicht wisse, was ein Ping* ist, aber sonst wüsste ich ja eine Menge. Ihr Freund berichtete, dass seine Eltern überhaupt keine Ahnung von all dem hätten, aber dagegen wären.

Ich bin Jahrgang 1967, bin mit Schallplatten* und Festnetz-Telefon* aufgewachsen. Filme haben wir auf VHS-Video* oder im Kino gesehen und Fernsehen hatte drei Sender*. Zu Verabredungen musste man pünktlich kommen, denn statt Smartphone gab es gelbe Telefonzellen*. Den ersten Computer habe ich mit 24 Jahren zum Schreiben meiner Diplomarbeit genutzt. Er gehörte einem Freund, und er hatte ein Spiel installiert: SimCity.
Ich spielte mehr, als ich an der Diplomarbeit schrieb (bekam trotzdem eine sehr gute Note) und war fasziniert davon, den Computer als Arbeits- und Spielgerät nutzen zu können.

Sieben Jahre später, mit zwei Kleinkindern und einem Sozialberuf, begann ich eine Weiterbildung zur Computermedienpädagogin im Ev. Studienzentrum in Josefstal. Dort lernte ich, Dateien an E-Mails anzuhängen, Lego-Autos zu bauen und am PC zu programmieren, Bilder digital zu bearbeiten, Layouts zu erstellen, Videoschnitt und verschiedene Formen digitaler Kommunikation und Zusammenarbeit.

Seither arbeite ich (auch) als Medienpädagogin und versuche zwei Dinge: Eltern und Pädagoginnen und Pädagogen die Angst zu nehmen vor der Technik und sie zu ermutigen, sich mit den Lebenswelten von Kindern und Jugendlichen zu befassen und dort auch die Chancen und Fähigkeiten des Nachwuchses zu sehen.
Und zum Zweiten eben jenen Eltern und Pädagoginnen und Pädagogen begreiflich zu machen, dass Kinder und Jugendliche dort im Internet nicht nur sinnlos Zeit verschwenden (was sie gelegentlich tun), sondern dass sie dort eine Kultur leben und prägen und von ihr lernen. Diese Kultur funktioniert auch ohne Eltern – aber es wäre ein großer Gewinn für alle Beteiligten, wenn es einen Austausch gäbe zwischen jung und mittelalt  über die Internet-Kultur, die ganz einfach Teil des Lebens von sehr vielen Menschen ist.

*Erklärungen:

Die gamescom ist die weltgrösste Messe für Computer- und Konsolenspiele mit etwa 340000 Besucherinnen und Besuchern jährlich.
League of Legends ist ein sehr beliebtes Online-Spiel, in dem zwei kleine Teams von Spielern um die Vorherrschaft kämpfen (ähnlich Capture-the-Flag).
Es wird unter andererem auch in der Electronic Sports League (ESL) gespielt. In dieser Liga für Computerspiele sind aktuell (2015) fünf Millionen Spielerinnen und Spieler registriert.
Twitch ist ein Live-Streaming-Portal, welches für die Übertragung von (oft kommentierten) Videospielen genutzt wird: Das heißt, eine Person spielt und redet dazu, andere schauen sich das im Internet live an.
“Let`s Play” ist eine sehr verbreitete Form von youtube-Videos: Das Spielen eines Computerspiels oder bestimmter Situationen oder Level eines Computerspiels wird aufgezeichnet, kommentiert und bei youtube hochgeladen. Einer der bekanntesten Let`s Player ist Gronkh, dessen Channel mehr als dreieinhalb Millionen Menschen abonniert haben und dessen beliebtestes Video (Let`s Play Minecraft #001) mehr als 11 Millionen Mal aufgerufen wurde.
Ein Ping ist sozusagen ein Klingeln an der Haustür des Internet-Hosts: Der PC schickt ein Signal und bekommt eins zurück- damit weiß man, dass die Internetverbindung steht und auch, wie schnell sie ist.

Schallplatten sind große runde und flache Vinylscheiben (in der Regel schwarz), in die eine spiralförmige Spur aus winzig kleinen Vertiefungen hinein gebrannt ist. Diese Spur kann mit der Diamantnadel eines Plattenspielers abgetastet und in Töne verwandelt werden. Faszinierend, aber unpraktisch. Das Ding musste nach 20 Minuten umgedreht werden und beim Rocken im Kinderzimmer sprang die Nadel und fräste gern mal Kratzer quer über die Scheibe. Damit war die Platte dann kaputt. Dann hängte man sich das überflüssig gewordene Cover an die Wand.
Festnetz-Telefone kennen die meisten Kinder noch, allerdings nur in “schnurlos”. Früher war das Telefon fest mit dem Kabel in der Wand verbunden, was ungestörtes Telefonieren unmöglich machte. Abhilfe schaffte oft ein 10-Meter-Kabel, welches bis ins Jugendzimmer reichte. Ein Festnetz-Telefon wird in der Regel mit allen Haushaltsmitgliedern geteilt, so dass Anrufende nicht wissen, wer dran gehen wird. Dies schreckt heutige Teenager davon ab, jemanden auf dem Festnetz-Telefon anzurufen.
VHS-Video-Kassetten zeichneten Videos auf Magnetband auf. Die Verwendung war ähnlich wie das Aufzeichnen auf HD-Recordern oder DVDs. Mit Qualitätsverlust allerdings.
Das ausgestrahlte Fernsehprogramm (empfangen mit einer Dachantenne) umfasste das Erste (ARD), das Zweite (ZDF) und das Dritte Programm (Regionalfernsehen nach Bundesland). Und es wurde nicht einmal rund um die Uhr gesendet.
Telefonzellen, die man heute nur noch aus Filmen kennt, wo seltsamerweise der Held oder die Heldin vom großen Unbekannten in einer Telefonzelle angerufen wird, wurden früher tatsächlich zum Telefonieren genutzt. Allerdings aufgrund der Kosten eher für sehr kurze Gespräche oder wenn man aus einer fremden Stadt anrief. Werden heute komplett durch das Handy ersetzt.